Le(e)hre über’n Gartenzaun

„So eine Frau wie Sie, die hätte ich gern!“ Die schönen Worte kamen über den Gartenzaun. Der ältere Nachbar stand da auf seinen Stock gestützt und schaute mit Bewunderung seiner jungen und schwungvollen Nachbarin nach. Diese war heute wieder einmal flott unterwegs. Von der Garage in den Garten. Vom Garten an die Hecke. Von der Hecke zum Kaninchenstall. Vom Kaninchenstall ins Haus.

Aus dem Haus zur Mülltonne. Von der Mülltonne zum Gemüsebeet.

Vom Gemüsebeet zum Nachbarn an den Zaun.

Nachbarschaft

Nachbarschaft

„Hallo mein Held der Schmeichelei“, sagte sie lächelnd zu ihm und sah ihm in die noch lebendigen und äußerst interessierten Augen. „Was mögen Sie denn so sehr an mir, dass Sie mich haben wollten als Ihre Spielgefährtin?“ Sie lächelt ihn dabei etwas spitzbübisch an. Er kennt sie und weiß sehr genau wie clever dieses Weibchen von nebenan ist.

 

„Nun,“ er beginnt vorsichtig mit seiner Wahl der Worte und sucht genüsslich in seinem Hinterkopf nach etwas das sie doch beeindruckt und sie zu ihm hinüberzieht – so über den Zaun hinweg.

„Also, nun, da ist zum einen ihr flotter Schritt. Wie Sie zielstrebig ihre Wege dahin gehen, leicht, schnell, unaufhaltsam. Sie geben mir das Gefühl dass Sie immer bei der Sache sind.“ Er betrachtet sorgfältig ihre Mimik und sieht dass sie weich wird. „Sie sind so fleißig. Jeden Tag sehe ich Sie und staune über die Menge der Arbeit die Sie so leisten.“ Er wägt sich schon auf der Überholspur. „Und dann, dann sind Sie einfach besonders hübsch in meinen Augen. Ihr Lächeln ist unglaublich.“ Er bemerkt dass sie Ihre Hände auf den Zaun legt und Halt sucht. Er hat sie also erschüttert. Sie kommt ins Wanken.

Er wähnt sich als Sieger der Runde.

Sie schaut ihm freundlich und offen entgegen. „Lieber Nachbar.

Mein allerliebster und charmantester Nachbar. Vielen Dank für Ihre Sicht der Dinge über mich. Sie haben mir meinen Tag noch angenehmer gemacht als er bereits war. Danke. Danke. Danke.“

Er wartet auf mehr doch sie dreht sich um und geht wieder in die Garage um das Holz zu holen für den Grill. Heute Abend kamen Gäste und sie war eine gute Gastgeberin. Sie setzte ihre Arbeit fort mit einem süßen Lächeln im Gesicht.

Zwei Tage später.

  Er steht wieder am Gartenzaun. Zur Freude seines Herzens geht die Tür des Nachbarhauses wieder auf und heraus – o welche Zier kommt seine geliebte Nachbarin. „Jetzt geht die Sonne zum zweiten mal für mich auf heute“, begrüßt er sie augenzwinkernd. „Können Sie soviel Sonne denn verkraften?“ fragt sie süß zurück. Er lächelt, fühlt sich herausgefordert. „Meine Beste, nur dass sie es wissen, ich könnte stundenlang mit Ihnen am Strand spazieren gehen ohne auch nur ein bisschen rot zu werden.“ „So, so“, sprach sie. „Und Sie meinen dass ich Ihren Worten Glauben schenke. Sehe ich doch dass Sie bereits nach 5 Minuten am Gartenzaun zart erröten.“ Meine Güte. Was ist das nur für ein Weib. Immer wieder entwischt sie mir. Sie ist unfassbar.

Eine Woche danach.

Sie trägt den Müll zur Tonne. Sie bringt die Hasen vom Stall ins Freigehege. Sie düngt die Rosen. Sie gießt die kleinen Pflänzchen.

Sie setzt sich vor das Haus und genießt ihren Kaffee. Sie kehrt den Hof. Sie bringt die leeren Flaschen in die Garage. Sie trägt die Einkäufe vom Auto ins Haus.

Er – der Nachbar – er steht wieder am Gartenzaun. Fassungslos. Diese lebendige Frau. Diese aktive Vertreterin des weiblichen Geschlechtes. Diese so heiß begehrte Beute.

„Schön Sie wieder einmal zu sehen. Ich habe sie schon vermisst“, beginnt er zurückhaltend das Gespräch. „Sie standen auch länger nicht hier am Zaun sondern nur am Fenster. Da konnten Sie mich nicht so gut sehen. Ich habe es sehr bedauert mich nicht mit Ihnen auszutauschen.“ PENG. Sie hatte ihn schon wieder erschossen. Nur – heute, heute wollte er auf’s Ganze gehen. Heute ließ er sich durch ihre burschikose Art die Dinge beim Namen zu nennen nicht erschrecken. Heute wollte er zeigen dass er gewitzt ist und eine Kämpfernatur in ihm steckt. Heute wollte er seinen Jäger aus sich herausholen. Er wollte es wirklich.

„Hören Sie“, sprach er sie an. „Was ich Ihnen schon lange einmal sagen wollte“, er nahm Anlauf. „Ich hätte Sie gerne an meiner Seite.

Mit Ihnen könnte ich den ganzen Tag auf meiner Terrasse sitzen.

Ich würde Sie verwöhnen mit Leckereien und mehr. Ich würde Ihnen zu Füssen liegen. Ach wenn Sie mich nur einmal erhörten. Sie würden mich zum glücklichsten Mann der Welt machen.“

Sie hielt inne. Sie fühlte wie diese Worte und diese große Zuneigung ihre Seele streichelten. Sie spürte diese Intension der ausgesprochenen Gedanken und bemerkte wie schön es ist von diesem Mann geliebt zu werden.

 

Sie ging langsam zum Zaun. Sie schaute ihn liebevoll und freundlich an. Sie lächelte ihm entgegen. „Mein verehrter Herr Nachbar. Wieder einmal haben Sie mir Mut gemacht so zu bleiben wie ich bin und so zu leben wie ich lebe. Ich danke Ihnen dafür.“

Nun war er aber ehrlich irritiert. Was erzählte sie denn da? Er hatte doch ganz andere Ziele im Visier. Nun hatte er sie bestärkt da zu bleiben wo sie ist. „Das sollten Sie mir bitte erklären meine Liebste.“ Seine Worte kamen fast hilflos über den Zaun. „Gerne“! Sie kam näher an den Zaun. Näher zu ihm. Hoffnung kam wieder auf. Nur ein wenig Hoffnung. Aber Hoffnung. „Sehen Sie“, begann sie „Sehen Sie mich genau an. Das was Sie sehen gefällt Ihnen. Mir auch.“ Nun stellen Sie sich einmal vor ich säße den ganzen Nachmittag auf Ihrer Terrasse und ließe mich verwöhnen. Über kurz oder lang wäre ich garantiert etwas fülliger, etwas unbeweglicher, etwas langweiliger. Dann wäre alles das weg an mir was Sie jetzt so sehr an mir lieben.“ Sie schaut ihn lange an und setzt fort: „Wie könnten Sie mich da noch wollen wenn ich meine ganze Attraktivität bei Ihnen auf der Terrasse abgelegt hätte?“

von Irene Steinbach

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